Corona-Tagebuch, Tag 11: Corona in der Psychiatrie

Liebes Tagebuch,

 

heute musste ich für einen Dienst in der geschlossenen Psychiatrie aushelfen. Als ich den Kolleg*innen sagte, dass ich keine Psychiatrieerfahrung habe und sonst nur in der Somatik arbeite, haben sie sich gefreut und gesagt, dann könne ich doch gleich die Covid-positive Patientin versorgen. Ich war zwar etwas irritiert, weil ich nicht erwartet hätte, hier in der geschlossenen Akutpsychiatrie auch Corona-Patient*innen versorgen zu müssen. Aber gut, ja, ich willigte ein.

 

Was mich dann aber richtig schockierte, war das „Hygienekonzept“ der Psychiatrie und die räumlichen Gegebenheiten, in denen ich diese arme ältere Dame versorgen sollte. Versorgen konnte man das eigentlich nicht nennen. Die demente Frau lag in einer Gummizelle, in der sich vorschriftsmäßig nichts außer einem Bett und einer Nasszelle mit Edelstahlspüle und -toilette befand. Nicht mal ein Mülleimer stand in dem Raum. Die Tür war abgeschlossen.

 

Ich fragte, warum sie sich in der Psychiatrie und warum in diesem Akutraum und nicht wie andere auch in einem „normalen“ Zimmer der Station befand. Die Antwort lautete, weil sie keine Krankheitseinsicht habe, manchmal aggressiv reagiere und teilweise auch aus dem Zimmer herauslaufe. Deswegen stecken sie die hilflose alte Frau in eine Gummizelle, die sonst für akut selbst- und fremdgefährdende psychiatrische Patienten gedacht ist?!?

 

Nun zum Thema Hygiene: Normalerweise gibt es vor Corona-Iso-Zimmern Räume oder Ecken des Zimmers, in denen man sich mit Schutzausrüstung an- und auskleiden kann, sogenannte Schleusen. Dort stehen auch große gekennzeichnete Abwurfeimer, um kontaminierte Wäsche und Müll vorschriftsmäßig zu entsorgen. Aber eine solche Schleuse gab es dort nicht in direkter Erreichbarkeit. Erst die nächste Isozelle wurde zu so einem Raum umgebaut. Aber um nach Verlassen des Coronazimmers in diesen Raum zu gelangen, musste ich, so „kontaminiert“ wie ich war, in voller Montur über den Flur laufen, wo ich jederzeit anderen Patient*innen begegnen könnte, und mit meinem Schlüssel das nächste Zimmer aufschließen, in dem ich mich dann umziehen konnte. Alle Gegenstände, die ich zur Versorgung der Patientin benötigte, wie z. B. Fieberthermometer und Pulsoxymeter, musste ich auch wieder mit herausnehmen.

 

Mit diesem Hygienekonzept kann man einfach eine Kontamination öffentlicher Oberflächen oder auch eine Begegnung mit einem anderen Patienten und damit dessen Infektionsgefährdung nicht ausschließen.

 

Und das ist nur das hygienische Problem. Eine adäquate medizinische Versorgung der Patientin ist unter diesen Umständen auch nicht zu gewährleisten! Ich erlebte die Patientin glücklicherweise zwar als verwirrt, aber in medizinisch stabilem Zustand und frei von jeglichen Covid-Symptomen. Dennoch dachte ich die ganze Zeit: "Was mache ich, wenn sich ihr Zustand verschlechtert und sie plötzlich keine Luft mehr bekommt?" Denn anders als auf somatischen Stationen, gab es dort ja nicht mal Sauerstoffanschlüsse an der Wand, geschweige denn darauf spezialisiertes ärztliches und pflegerisches Personal. Unglaublich, eine Patientin so ihrem Schicksal zu überlassen! Aufgrund ihrer Demenz könnte sie ja nicht mal Hilfe rufen, weil sie nicht wüsste, wie sie den Alarmknopf betätigen müsste. Deshalb waren auch 30-minütige Sichtkontrollen bei ihr vorgesehen.

 

Die Kolleg*innen berichteten mir zu allem Übel auch noch, dass die arme Frau, da sie zu wenig trinke, zeitweise mit den Händen ans Bett gefesselt werde, wenn sie eine Infusion mit Elektrolytlösung bekomme, weil sie sich sonst die Venenkanüle aus dem Arm reißen würde.

 

Da wurde mir erst so richtig diese schwierige Situation von psychiatrischen Patient*innen klar, die einerseits einen richterlichen Beschluss zur geschlossenen Unterbringung haben und andererseits Corona-infiziert sind. Das ist absolut eine Grauzone! Was ist wichtiger, dem Beschluss der Unterbringung Folge zu leisten, was eine Corona-Station nicht erfüllt, oder die medizinische Notfallversorgung sicherzustellen? Und wer trifft diese Entscheidung?

 

Zum Glück ging in meinem Dienst alles gut und es passierte nichts dergleichen!!

 

Deine Agnes

 

 

Agnes ist Pflegerin in einem Hamburger Krankenhaus. Sie wurde von uns als Kunstfigur erschaffen, um die Erlebnisse vieler Kolleg*innen während der Corona-Pandemie anonym darzustellen. In den folgenden Wochen werden wir in weiteren Einträgen die Erfahrungen aus dem Pflege-Alltag im Krankenhaus sichtbar machen. Das Erzählte wurde so von Pfleger*innen erlebt und fasst zum Teil mehrere Erzählungen zusammen. Alle Namen in den Geschichten wurden von uns geändert. Hast Du auch etwas erlebt, was dringend mal in unserem Tagebuch Gehör finden muss? Dann schreib uns eine Mail an info(at)pflegenotstand-hamburg.de!

  •  Ängry-Nurse_Folge-11