Rationalität statt Verschwörungsideologie

Seit Beginn der Covid-19 Pandemie werden die Stimmen von Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen besonders gehört. Leider nutzen das einige Kolleg*innen (meistens sind es Männer) aus und verbreiten unter dem Deckmantel der Regierungskritik Verschwörungsphantasien. Warum das nicht bloß ein bisschen esoterische Impfkritik ist, sondern im Gegenteil brandgefährlich wollen wir hier kurz erläutern.

 

Die Akteure der sog. „Ärzte für Aufklärung“, fünf Hamburger Ärzte, waren auch schon vor der Coronakrise in esoterischen, verschwörungsideologischen oder rechten Netzwerken aktiv. Dr. Heiko Schöning war als „9/11 Truther“ bei Deutschlands beliebtestem rechten Verschwörungsideologen und Antisemiten Ken Jebsen zu Gast; Dr. Walter Weber will Krebs mit Kraft der Gedanken heilen und Dr. Marc Fiddike erfindet in endlos langen YouTube-Videos so krude und hetzerische Phantasien über Impfzwang und geheime Mächte, dass diese sogar von YouTube gesperrt wurden.

 

Um das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 oder die dadurch ausgelöste Lungenerkrankung Covid-1 geht es dabei meistens nur am Rande, diese Schlagworte werden einfach kurzerhand in die auch schon vorher bestehenden Ideologie-Gebäude eingebaut und zwar immer nach dem gleichen Muster. Zunächst werden einige kaum abstreitbare Wahrheiten präsentiert: Die Coronakrise hat schlimme Folgen für alle Menschen, besonders im globalen Süden aber auch in Deutschland. Wir sind hier in Sachen Coronatote noch ziemlich gut weggekommen. Eigentlich weiß man noch viel zu wenig über das Virus und die Erkrankung. Soweit so verständlich. Dann werden aber falsche Fakten präsentiert. So wird behauptet, es gäbe überhaupt keine vermehrten Tote durch SARS-CoV-2 oder auch alle Coronaviren wären gleich (als hätte es SARS 2002-2003 und MERS 2013ff. nie gegeben). Dr. Schöning behauptete am 16.5. auf seiner Rede in Hamburg, die Corona-Maßnahmen hätten in Deutschland bereits 100.000 Tote gekostet.

 

Dann geht es ganz schnell um Zwangsimpfungen, Mafiöse Regime und geheime Weltverschwörungen; Belege hierfür werden keine präsentiert.

 

Zum Schluss folgt eine Reihe von angeblichen oder tatsächlichen Misserfolgen in der Impfgeschichte – Anthrax in den USA 2001, Kenia 2014. Was hat das alles mit Covid-19 zu tun? Das weiß wohl keiner so recht. Es dient aber offensichtlich dazu eine Erzählung zu schaffen, die lautet: eine geheime Machtelite/die-Westküste/die-Juden wollen euch zwangsimpfen um euch-zu-kontrollieren/eure-demokratischen-Rechte-zu-klauen/euch-unfruchtbar-zu-machen/eure-Kinder-zu-vergiften.

 

Dabei ist es den Organisator*innen der „Hygiene-Demos“ oder der Möchtegern-Partei „Widerstand 2020“ offenbar in Ordnung Seite an Seite mit Kameraden der extremen Rechten zu demonstrieren. Besonders perfide ist, dass sich viele Teilnehmende der Demonstrationen selbst mit Holocaustopfern gleichsetzen – eine üble Verunglimpfung der Überlebenden.

 

Zu Anfang der Pandemie schien es uns im vdää eher sinnvoll, solchen Anti-Aufklärer*innen nicht noch zusätzlich zu YouTube- und Facebook-Aufmerksamkeit zu verhelfen, doch das ändert sich gerade. Spätestens wenn dann noch die „wahren“ Übeltäter (weil angeblichen Profiteure) der Coronakrise benannt werden (wenig verwunderlich: Bill Gates und Christian Drosten) wird deutlich: Hier werden Sündenböcke als einfache Lösung für komplexe Probleme geliefert und letztendlich wird das argumentative Rüstzeug geliefert, um selbst zur Tat zu schreiten.

 

Wir wollen das nicht unwidersprochen lassen. Wir behandeln aktuell zusammen mit den Kolleg*innen aus der Pflege und den anderen Berufsgruppen im Gesundheitswesen Covid-19 Patient*innen. Wir sehen und können in der wachsenden wissenschaftlichen Literatur lesen, dass dieses Virus gefährlich ist und in anderen Ländern gerade die ärmeren, älteren und vorerkrankten Bevölkerungsschichten besonders betroffen sind und besonders oft sterben. In Deutschland ist das bisher nicht so stark eingetreten, weil frühzeitig genau die Maßnahmen ergriffen wurden, die jetzt bei diesen Demos kritisiert werden.

 

Wir demokratischen Ärztinnen und Ärzte wollen uns der Verantwortung stellen und bei all der Unsicherheit und Komplexität an Informationen und Daten unsere Stimme für die Rationalität erheben:

 

Ja, wir alle leben in Zeiten der Unsicherheit und wir haben nicht alle Informationen, die wir bräuchten, um ganz sicher zu urteilen. Gerade in der Krise muss die Grundlage unseres ärztlichen Handelns aber weiterhin eine kritische Rationalität sein. Zum Wohl der Bevölkerung und jedes Einzelnen nutzen wir wissenschaftliche, medizinische Forschung, nicht ohne ihre Einbettung in die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse kritisch zu betrachten. Das heißt, immer einen besonderen Blick auf ökonomische und politische Machtstrukturen zu haben. Kritisch zu sein, heißt aber eben nicht, sich die Welt so zusammenzuspinnen, wie es uns am besten passt.

 

Ja, die Maßnahmen, die von der Politik getroffen wurden, schränken zum Teil unsere Grundrechte ein und sie sind nicht immer logisch konsistent. Gerade zu Beginn der Krise kam es zu unverhältnismäßigen Einschränkungen des Demonstrationsrechts, was vor allem emanzipatorischen Protest traf. Andere Regelungen z.B. zum Schutz von Menschen in Pflegeheimen, von Geflüchteten in Massenunterkünften (die schon vor der Pandemie eine Gesundheitsgefahr waren und aufgelöst gehören) und von Menschen ohne Obdach gehen noch nicht weit genug. Aber das alles hat nichts mit Diktatur und Machtergreifung, nichts mit einem geheimen Plan von „Machteliten“ zu tun. Gerade die sozioökonomischen Folgen der Maßnahmen, die besonders Frauen, ärmere und weniger privilegierte treffen, und ihre möglichen Auswirkungen auf gesundheitliche Ungleichheiten verdienen kritische Aufmerksamkeit. An einer solchen rationalen gesellschaftlichen Debatte beteiligen wir uns mit unserem Fachwissen gern.

 

Ja, auch wir kritisieren Gesundheitsminister Jens Spahn, wenn er die Situation der Krise auszunutzen scheint, um seine digitalen Phantasien durchzusetzen. Aber wir sagen Nein zur Kritik an der behaupteten „Impflicht“, auch deshalb, weil es aktuell kein Gesetz und keinen Entwurf eines Gesetzes gibt, das bezogen auf Covid-19 eine Impfflicht fordert. Weil wir die Errungenschaft des Impfens für die Verhinderung von Tod und Leid weltweit wertschätzen, werden wir uns im vdää dafür einsetzen, dass ein Impfstoff gegen Covid-19 weltweit gerecht produziert und verteilt wird und nicht entlang der ökonomischen Potenzen von Gesellschaften und Staaten.

 

Ja, auch wir kritisieren die Rolle der Bill und Melinda Gates Foundation (BMGF) in der WHO. Dazu brauchen wir aber nicht erst die Covid-19 Pandemie. Das machen wir und viele andere schon lange und mit richtigen Argumenten. Denn zur Lösung der globalen Ungleichheit setzt die Gates Stiftung auf Wohltätigkeit, Technologie und Markt. Dabei verstärken diese oft Abhängigkeitsverhältnisse zwischen reichen und armen Staaten oder werden dazu benutzt, ungerechte, undemokratische oder repressive Strukturen zu erhalten. Aber wir halten Gates nicht für den allmächtigen Strippenzieher, und wir halten die aktuelle Situation nicht für eine Verschwörung zum Zwecke der totalen Unterdrückung, sondern für normale und zu kritisierende Entwicklungen im Verhältnis von kapitalistischer Ökonomie und Politik.

 

Wir werden diese neuen Melange aus Impfgegner*innen und rechten Verschwörungsideologen, aus 9/11- und „QAnon“-Truthern, aus Esoteriker*innen und der alten und neuen Rechten nicht die Straße und die Worte überlassen. Unsere Lösung heißt mehr Demokratie und nicht weniger.

Mehr Rationalität und nicht Verschwörungsglaube und einfachste Antworten auf komplexe Probleme.

 

Zum Umgang mit ideologisch gefestigten „Aluhüten“ gibt es übrigens gute Beratungsangebote im Internet: www.dergoldenealuhut.de / www.who.int/emergencies/diseases/novel-coronavirus-2019/advice-for-public/myth-busters

 

Verein demokratischer Ärztinnen und Ärzte (vdää), Ortsgruppe Hamburg; unterstützt vom Hamburger Bündnis für mehr Personal im Krankenhaus

 

Hier gibt es das Flugblatt als PDF