Intensivpflege am UKE: "Friss oder stirb!"

Die Intensivpflege im UKE schlägt seit Monaten Alarm. In Brandbriefen haben sie auf Unterbesetzung aufmerksam gemacht. So kann es nicht weitergehen. Wir unterstützen sie im Ruf nach Entlastung! Und veröffentlichen an dieser Stelle Erfahrungsberichte von ihnen. Hier Nr. 1: "Allen ist klar, dass das Arbeitspensum für keinen zu schaffen ist. 'Friss oder stirb', lautet das Motto."

 

Exemplarischer Dienstreport auf der Intensivstation


Ich komme 10 Minuten vor Dienstbeginn auf Station. Meinen ersten Blick richte ich auf die Stationsübersicht. Hier werden die Vitalparameter aller Patienten übertragen. Anstatt auf abweichende Werte zu achten, zähle ich durch, wie viele Patienten aktuell auf Station überwacht werden. Angespannt blicke ich auf den Dienstplan. Wie viele, bzw. eher wie wenige, pflegerische Kollegen sind für diesen Dienst geplant? Einschließlich mir sind wir zu dritt für neun Intensivpatienten geplant. Dies bedeutet, dass jede Pflegekraft mit der Versorgung von drei Intensivpatienten absolut ausgelastet ist. Eventuell kommt im Laufe des Dienstes sogar noch ein weiterer Patient hinzu. Ich arbeite mit einem Kollegen aus dem Intensivpool und einer Kollegin in Einarbeitung zusammen. Die Einarbeitung fällt wegen Personalmangel aus. Der Dienst beginnt ohne auch nur eine/n erfahrene/n stationseigene/n Kollegen/in.

 

In der Regel beginnt der Dienst mit einer ärztlichen Übergabe an uns Pflegekräfte. Die Patienten sind meist massiv vorerkrankt und liegen zum Teil über Monate auf unserer Station. Einige wechseln in „guten Phasen“ auf die Normalstation, viele versterben früher oder später bei uns. Im Anschluss an die ärztliche Übergabe teilen wir uns die Patientenversorgung ein. Es sind drei Isolationszimmer zu verteilen, fünf Patienten mit kontinuierlich laufender Dialyse, zwei schwer delirante Patienten sowie ein Patient in der unmittelbaren Sterbephase. Wir bemühen uns um eine faire Verteilung, aber allen ist klar, dass das Arbeitspensum für keinen zu schaffen ist, jedenfalls nicht unter Einhaltung der Qualitätsstandards.

 

Nach der Einteilung berichtet der jeweils zuvor versorgende Kollege über die mir zugeteilten Patienten. Es folgt meine „Antrittskontrolle“. Ich verschaffe mir über jeden Patienten einen groben Überblick. Wie sind die Vitalwerte? Welche Medikamente laufen kontinuierlich? Welche weiteren Gaben sind wann geplant? Sind die Alarmgrenzen sowie die Beatmung für den Patienten passend eingestellt? Liegt im Notfall das passende Equipment am Patientenbett griffbereit? Bei den meisten meiner Tätigkeiten werde ich mehrfach unterbrochen. Die Station alarmiert ununterbrochen. Vitalwerte oder Beatmungsparameter liegen außerhalb der sicheren Grenzfelder, Dialysen melden Druckalarm und drohen stehen zu bleiben, Medikamenten- & Ernährungspumpen laufen leer. Kollegen brauchen Hilfe. Die brauchen wir alle.


Es kann nur verzögert auch auf überlebenswichtige Alarme, wie ein Lösen des Patienten vom Beatmungsgerät, reagiert werden. Viele Patienten äußern Ängste. Zu recht. Wir können erst verzögert reagieren, wenn ein Patient Schmerzen oder Luftnot äußert. Die gesamte Kulisse wirkt bedrohlich, die Lautstärke, die Unruhe, die Erkrankung an sich, welche zur Intensivpflichtigkeit geführt hat. Zusätzlich besteht für Angehörige seit Pandemiebeginn eine nur sehr eingeschränkte Besuchserlaubnis. Die wenigen Besuche der Angehörigen sind oft der einzige Trost.

 

Wir haben für Gespräche und Zuwendung kaum Zeit. Ich versuche die wichtigsten Tätigkeiten bis zum Dienstende zu erledigen. Es braucht viel Zeit, die gesamte Intensivmaschinerie mit Beatmung, Medikation und Dialysen überhaupt am Laufen zu halten. Zu pflegerischen Tätigkeiten wie sorgsamer Körperpflege, Mobilisation, Reorientierung und Wahrnehmungsförderung kommt man seltenst. Ich bin schon dankbar, wenn sich der Zustand meiner Patienten während meiner Schicht nicht gravierend verschlechtert hat, ich außerdem alle Medikamente mit weniger als einer Stunde Verzögerungszeit verabreichen konnte. Wenn ich die Blutgase ausreichend engmaschig überwacht, die Patienten ohne Eigenmotorik alle vier Stunden gelagert habe und zur Übergabe an die nächste Schicht keiner in Blutlachen oder Exkrementen liegt.

 

Mehr als die absolute Notversorgung ist derzeit kaum möglich. Um nicht komplett frustriert zu sein muss man seinen Eigenanspruch stark drosseln. Die Stimmung auf Station ist schnell angespannt, da jeder regelmäßig an die Grenze des Schaffbaren stößt. Pausen, in denen Zeit ist sich auszutauschen, gibt es kaum. Für Zweifel ist kaum Raum. Anweisungen „von oben“ haben umgesetzt zu werden. Nach den Bedenken der Durchführenden wird nicht gefragt. „Friss oder stirb“ lautet das Motto. Intensivpflege muss man wollen, heißt es, aber unter den gegenwärtigen Umständen sollte man sie nicht mehr wollen.

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