Intensivpflege am UKE: "Patienten lebend über die Schicht bringen"

Die Intensivpflege im UKE schlägt seit Monaten Alarm. Im vierten Erfahrungsbericht schildert eine Pflegekraft, wie sie während ihrer Schicht alleine zwischen drei Patient*innen "hin- und herspringen" muss - nur um das Schlimmste zu verhindern: dass ein Mensch stirbt.

 

Es ist 14 Uhr. Die ärztliche Übergabe an die Spätschicht ist vorbei. Bei der Aufteilung habe ich mir drei Patienten ausgesucht. Schon in der Aufteilung war klar, dass wird ein unruhiger Spätdienst. Patient 1 sediert, intubiert, schwer septisch, kreislaufinstabil und aufgrund seines ARDS* ist eine Bauchlage nötig. Patient 2 sehr unruhig, delirant, nestelig. Benötigt wegen eingeschränkter Lungenfunktion eine HighFlow Therapie. Patient 3 Langlieger, isoliert, benötigt pflegerisch nur wenig Unterstützung, ist jedoch aufgrund seines langen Verlaufes sehr depressiv.

 

Während der nächsten Stunden, 8,2 Stunden, bin ich eigentlich nur damit beschäftigt bei dem ersten Patienten die laufenden Medikamentenspritzen auszutauschen. Im Zwei-Stunden-Takt entnehme ich Blutproben, um sie zu analysieren. Die unzähligen anderen Infusionen, Antibiotika, Antimykotika, Schmerzmittel und etc. kosten Zeit und werden auch nicht zu den angeordneten Zeitpunkten gegeben. Der Grund für 30 Minuten früher oder später: Patient 2, der so desorientiert und krank ist, dass die Unruhe ihn dazu bringt sich mehrmals pro Stunde die HighFlow-Nasenbrille zu entfernen. Das Resultat: Sättigungseinbrüche mit Atemnot und Panik. Eigentlich springe ich nur zwischen den zwei Betten hin und her um das Schlimmste zu verhindern – und meine Patienten lebend über die Schicht zu bringen.

 

Der dritte Patient hat mich am Ende der Schicht, um 21:20 Uhr genau 15 Minuten gesehen. Ich habe ihm sein Abendessen, wenn man eine Suppe im Plastikbecher und einen Joghurt mit einem Plastiklöffel so nennen kann, gebracht und seine Antithrombosespritze gegeben. Immer wieder musste ich mich in den 8,2 Stunden bei Patient 3 entschuldigen, dass ich so wenig Zeit für ihn hatte, wie auch, wegen Patient 1 und Patient 2 weiß ich kaum selbst, wie spät es ist.

 

Als etwas Ruhe einkehrt und ich versuche etwas zu essen, klingelt Patient 2. Ich komme ins Zimmer und sehe nur seine Beine über den Bettseiten heraushängen. Alles ist mit Stuhlgang beschmiert. Der Patient erklärt, er habe den Busknopf gedrückt und wolle jetzt aussteigen. Ich helfe dem Patienten zurück ins Bett, spreche mit dem Arzt und gebe auf Anordnung ein beruhigendes, gegen das Delir wirkende, Medikament.

 

Patient 1 soll eigentlich seit zwei Stunden schon in Bauchlage liegen, für eine bessere Belüftung seiner erkrankten Lunge. Ich muss aber mal fünf Minuten durchschnaufen, etwas trinken, Kraft tanken. An essen ist nicht zu denken, das passt jetzt zeitlich überhaupt nicht. Nach Rücksprache mit den Ärzten verschieben wir die Bauchlage um weitere 30 Minuten. Es ist auf der gesamten Station so viel für alle Berufsgruppen zu tun, dass diese Aktion jetzt nicht möglich ist.

 

Wer jetzt sagt „das bedarf einer besseren Organisation“: In der Pflege arbeiten Menschen mit und für Menschen, da kann man nur Grundlagen organisieren, aber Mensch ist Mensch, individuell und unvorhersehbar.

 

* Acute Respiratory Distress Syndrome – akut einsetzende, schwere Luftnot, bedingt durch einen diffusen Lungenschaden

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